© 2015 Reiner Wandler

Wie wird man zum Exoten?

zubiaurWer Ibon Zubiaur heißt, der muss aus Euskadi – dem Baskenland – kommen. Der Autor eines Essays „Über die Erfindung einer exotischen Nation“ mit dem Titel „Wie man Baske wird“ stammt aus der Gegend im Nordwesten der iberischen Halbinsel, dort wo die Pyrenäen den Atlantik erreichen. Eine Region wo sich die Menschen mit „egun on“ begrüßen, mit „agur“ verabschieden und mit „eskerrik asko“ bedanken. Die Basken hacken mit einer Axt Holz um die Wette, stemmen zentnerschwere Steine, spielen Pelota, eine Art altertümlichen Squash, bei mit bloßer Hand einen Lederball gegen eine Wand geklatscht wird, huldigen mit dem Athletic Club Bilbao einem Erstligisten, der nur Spieler aus der Region einstellt. Sie sind für die gute Küche ebenso bekannt, wie für den Kampf um Unabhängigkeit.

Zubiaur berichtet in seinem Bändlein über seine Kindheit und Jugend in Getxo. Er wuchs dort auf, wo der Nervión aus der Stadt Bilbao, die einst für ihre Hochöfen und Schiffswerften und seit der Abwicklung der Großindustrie für ihr Kunstmuseum Guggenheim bekannt wurde, kommend ins den Atlantik mündet. Es ist das Baskenland, so wie das Baskenland sein sollte. Hafen, Industrie, Unternehmervillen, Arbeiterviertel, alte Landhäuser, Atlantik, grüne Wiesen … eine Mischung, die auf den ersten Blick verwundert, um dann auf den zweiten Blick seltsam harmonisch zu erscheinen. Es ist ein seltsames Fleckchen Erde, das seltsame Menschen hervorgebracht hat.

Darum geht es in Zubiaurs Buch, das er übrigens auf deutsch verfasste. Mit Witz und doch ernst und nachdenklich berichtet der Autor, der sein Baskenland längst eingetauscht hat, zuerst gegen München, wo er Direktor des spanischen Kulturinstitutes Cervantes war, und dann gegen seine derzeitige Wahlheimat Berlin, über seine Heimat, die Menschen und der Entwicklung seit dem Ende der Franco-Diktatur, als die Region ihre Autonomie erreichte.

Es geht über seine Schulzeit, die er als „kollektives Experiment“ erlebte. Zubiaur gehört zur ersten Generation, die vollständig auf baskisch unterrichtet wurde, einer alten Sprache, die nur jeder vierte Baske perfekt beherrscht und im Alttag nutzt. „Freilich war es eine Fremdsprache, die mir als die eigentliche eigene verkauft wurde“, erinnert er sich. Zu Hause und auf der Straße sprach er spanisch, in der Schule baskisch, das aus seinem persönlichen Umfeld niemand wirklich beherrscht. Auch Zubiaur hat die Unterrichtssprache längst dort abgelegt, wo so vieles Schulwissen endet.

Doch hier endete das Experiment nicht: „Ich gehörte zu einer Generation, deren Schulbildung nicht nur vollkommen auf Baskisch, sondern auch unter Berücksichtigung des nationalistischen Gedankengutes von statten ging“, berichtet Zubiaur weiter. Es waren die Jahre in denen die regierenden Nationalisten ihr Baskenland konstruierten. Die Ortsnamen änderten sich nach und nach. Alles wurde baskisiert. Die Geschichte wurde dem angepasst, was den Nationalisten als politisch korrekt in ihrem Sinne gilt. Den Rückblick auf die Schuljahre nimmt Zubiaur zum Anlass, um die Geschichte seines Baskenlandes und seines Lebens als Baske Revue passieren zu lassen.

Zubiaur sinniert über die von den Nationalisten gepriesene „baskische Rasse“. Er zitiert die Schriften von Sabino Arana, jenes Mannes, der im 19. Jahrhundert den baskischen Nationalismus erfand. Er versucht zu ergründen, warum all das von der baskischen Bevölkerung bereitwillig als „selbstverständlich“ übernommen wurde und geht auf die Suche nach dem, was für ihn persönlich das Baske-Sein ausmacht.

Zubiaur stellt sich die Frage, ob er denn nun ein guter Baske, ein schlechter Baske sei, ja ob er es überhaupt wert ist, als Baske zu gelten. „Ich wurde über meine ganze Jugend mit der Frage konfrontiert, ob ich mich als Baske oder als Spanier fühle oder (wenn man über die plumpe binäre Logik hinausgewachsen war) eher als Baske denn als Spanier.“ Zubiaur beantwortet diese Frage für sich, und tut es letztendlich irgendwie doch nicht – das Zeichen einer verwirrenden Indentität.

„Wie man Baske wird“ – oder denn auch nicht – ist ein lesenswerte, sehr persönliche Betrachtung von Sprache, Kultur und Geschichte jenes gebirgigen, exotischen und in seiner Andersartigkeit sympathischen Landstriches am Golf von Bizkaia. Ob als Ergänzung zu anderen Büchern über das Baskenland, als kleine Nachtlektüre auf einer Reise durch Euskadi, oder ganz einfach um Lust zu machen aufs Thema … Zubiaurs Essay wird jedem Leser gerecht.

Ibon Zubiaur
Wie man Baske wird

Berenberg Verlag

96 Seiten/ Halbleinen/ ISBN 978-3-937834-5/ 20 Euro

 

 

 

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