© 2008 Reiner Wandler

Geplatzt

 


Seseña, ein 12.000 Seelendorf 40 Auto-Minuten vor den Toren Madrids, galt bis vor kurzem als Symbol für den spanischen Spekulationsboom mit Immobilien schlechthin. 13.500 zusätzliche Wohnungen für 50.000 Menschen sollten hier auf der grünen Wiese errichtet werden. Lokalpolitiker wurden bestochen, andere bedroht. Jetzt wo die Spaniens Spekulationsblase platzt und der Bausektor in die Krise gerät ist Seseña wieder das Symbol. Die 5.000 fertig gestellten Neubauten drohen zu einer weithin sichtbaren Bauruine zu verkommen.

Nur 750 Einwohner zählt das örtliche Register in dieser Makrosiedlung an der Autobahn in Spaniens Hauptstadt. Denn viele der Wohnungen wurden gekauft um damit zu spekulieren oder um sie zu vermieten. Jetzt will sie keiner mehr. Und wer hier hergezogen ist will weg. „Zu verkaufen“ steht überall angeschrieben. So auch am Balkon von José’s Wohnung. Er hatte daran gedacht die Wohnung zu vermieten und so den Kredit abzuzahlen. Doch es fand sich niemand. Monatelang hatte er Anzeigen in verschiedenen Zeitungen aufgegeben. Vergebens. Letztendliche verzichtete er auf den Kauf und verlor die Anzahlung in Höhe von mehreren Tausend Euro. Wie hoch sie genau war, darüber schweigt er sich am Telefon aus. Zu groß ist die Scham.

Andere trifft es noch schlimmer. So etwa Blas Vicente aus Ripollet in der Nähe von Barcelona. Sein Fall ging in der vergangenen Woche durch die Presse. Nach dem die fünfköpfige Familie seit fast einem Jahr brav den Kredit abbezahlt, ist sie jetzt in Geldnöte geraten. „Ich verschenke meine Wohnung mit allem was ich bereits bezahlt habe“, inseriert Blas Vicente. Der neue Besitzer müsste nur den Rest der Hypothek abbezahlen. Doch niemand beißt an. Denn die Wohnungspreise in Ripollet sind dank der Krise in nur einem Jahr um fast 30 Prozent gefallen. Die Wohnung der Familie ist im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr wert.

Nicht nur Privatverkäufer, auch die Großen der Immobilienbranchen haben Probleme ihre Wohnungen zu verkaufen. Auf der gerade zu Ende gegangenen Immobilienfachmesse in Madrid, der größten Spaniens, gab es allerlei Lockangebote. „Ein Jahr ohne Raten“, „ein Einkaufsgutschein für Möbel im Wert von 12.000 Euro“ oder „ein Kleinwagen mit ihrer Wohnung“ lauteten nur einige davon.

Der Grund ist einfach. Nirgendwo in Europa hat der Bausektor im letzten Jahrzehnt so geboomt wie in Spanien. Die Wohnungspreise stiegen bis zu 500 Prozent. Wer sich überhaupt noch eigenen vier Wände leisten kann, ist restlos überschuldet. Der Zyklus geriet so an sein Ende. Im ersten Quartal 2008 wurden 28 Prozent weniger Wohnung verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, die Preise fallen. Der Bausektor, der in den letzten zehn Jahren der Motor des außerordentlich hohen Wirtschaftswachstum in Spanien war, gerät in die Krise. Der Verkauf von Baumaterialien ging in nur einem Jahr um 15 Prozent zurück. Die Arbeitslosigkeit steigt rassant. Ein Teufelskreis zeichnet sich ab.

Die Geldinstitute bekommen es mit der Angst zu tun. Miguel Blesa spricht offen aus, was andere verschweigen: „Der Anteil der Backsteine an den Bilanzen macht Angst“, erklärt der Präsident der größten spanischen Sparkasse, Caja Madrid.

Anders als in Österreich, Deutschland oder der Schweiz sind nur wenige spanische Investmentfonds in das dubiose Geschäft mit US-Hypotheken verwickelt. Dennoch drohen jetzt Milliardenverluste dank der hausgemachten Krise. Zwar gibt es in Spanien keine Risikohypotheken wie in den USA, doch war die Politik der Banken bei der Kreditvergabe alles andere als rigoros. Viele Geldinstitute finanzieren Wohnungen ohne Anzahlung. Eine Bescheinigung über Schwarzeinkünfte wurde als Ergänzung zum Lohnzettel akzeptiert. Hatten die Hypotheken vor zehn Jahren noch eine Laufzeit von maximal 25 Jahren, sind es mittlerweile bis zu 50 Jahren.

Jetzt rächt sich diese Politik. Insgesamt stehen die Spanier bei den Banken mit einem Betrag in der Kreide, der dem BIP des Landes entspricht. 60 Prozent der Bankkredite entfallen auf Immobilien. Experten glauben, dass 20 Milliarden Euro an unsichere Kandidaten verliehen wurden. Bereits jetzt vermelden die Geldinstitute Zahlungsrückstände von insgesamt 6,1 Milliarden Euro. In den letzten zwölf Monaten ist die Zahl derer, die ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, um 70 Prozet gestiegen. Noch betrifft dies nur ein Prozent der Kredite. Doch die Vorhersagen sprechen von bis zu fünf Prozent zum Jahresende. Die Rücklagen der Banken für solche Fälle wären dann in nur einem Jahr aufgebraucht.

Was bisher geschah: