© 2017 Reiner Wandler

Gegen eine strahlende Zukunft

 

Baustelle für ein Auffangbecken.

Fernando Rodríguez redet immer wieder von „dieser Ohnmacht“, die er verspürt. „Sie haben mich gezwungen, 215 Hektar Land zu verkaufen. Jetzt wollen sie weitere 400 Hektar“, schimpft der 67-Jährige und lässt seinen Blick schweifen. So weit das Auge reicht, nichts als Wiesen, Felsen und alte, knorrige Steineichen. 700 Kühe weiden auf der 1050 Hektar großen Finca Pito mit ihren Kälbern, dazwischen kleinere Gruppen von freilaufend Säuen mit ihren Ferkeln.

„Sie wollen hier eine Uranmine aufmachen“, beschwert sich Rodríguez. „Sie“ das ist das australische Unternehmen Berkeley Energia Limited. Würde Rodríguez die 400 Hektar verkaufen, wäre sein Land in zwei geschnitten, er würde die Stallungen und Lagerhallen verlieren. „Selbst wenn wir auf dem Rest weitermachen, wer will schon Fleisch von einer Finca direkt an einer offenen Uranmine?“ fragt er und wird nachdenklich. Der schlanke, hoch aufgewachsene Mann redet ruhig. Hin und wieder steckt er sich eine Zigarette an, geniest jeden Zug und lässt die Kälbern in der Kopel, nicht aus den Augen, während er seine beiden Schäferhunde streichelt.  „Mein Urgroßvater hat einst das Land gekauft. Ich bin hier aufgewachsen“, fügt er hinzu. Heute bewirtschaftet sein Sohn mit zwei Arbeitern die Finca auf dem Hochland zwischen Retortillo und Villavieja de Yeltes in der westspanischen Provinz Salamanca.

Fernando Rodríguez auf der Finca Pito.

Berkeley wirbt damit, hier bis Ende 2018 die größte offene Uranmine Europas entstehen zu lassen. 5.400 Hektar soll sie in einem ersten Bauabschnitt umfassen. Eine neue Straße entsteht, ein Auffangbecken wurde ausgehoben. Beide Bauvorhaben wurden auf Klagen der Gegner richterlich gestoppt. Eine Genehmigung für die Mine als solche steht ebenfalls noch aus. Doch das Unternehmen holzt weiterhin ab. Bisher wurden 2.000 von rund 30.000 Steineichen gefällt. Die Bäume sind alle zwischen 200 und 600 Jahre alt. „Die Gegend gehört zum europäischen Naturschutznetz Natura 2000“, sagt Rodríguez und schüttelt den Kopf. Hier brütet der seltene Schwarzstorch.

Rodríguez – der bis zu seiner Pensionierung die Arbeit in einer Sparkasse und das Leben als Landwirt unter einen Hut brachte – trägt einen Stapel von Dokumenten unter dem Arm, fein säuberlich in Klarsichthüllen geordnet. Es sind Briefe. Einige tragen das Logo von Berkeley andere das des regionalen Industrieministeriums von Castilla y León. „Hätte ich die 215 Hektar nicht verkauft, wäre ich wohl zu einem wesentlich schlechteren Preis enteignet worden“, ist er sich sicher.

Nun aber reiche es: „Ich habe den Fall einem der besten Anwaltsbüros in der Hauptstadt Madrid gegeben.“ Der Grund sind nicht nur die weiteren 400 Hektar. Berkeley und das regionale Industrieministerium wollen ihn zwingen, Messstationen und Probebohrungen auf seinem Gelände zuzulassen. Im Vertrag, der ihm zugestellt wurde, ist von „ständigem Zugang“ und „Arbeiten, die notwendig werden“ die Rede. „Es ist alles so vage gehalten, dass es einem Freibrief gleichkommt, zu tun, was sie wollen“, schimpft Rodríguez. „Ohnmacht gegenüber der Verwaltung“, verspüre er. Denn trotz des Widerstandes fast aller Bürgermeister der Gemeinden rund um die Mine unterstützt die Regionalregierung das Vorhaben. Und auch der ehemalige spanische Landwirtschaftsminister und derzeitige EU-Kommissar für Klimaschutz und Energie, Miguel Arias Cañete, befürwortet das Berkeley-Projekt.

Im Sommer lebt Rodríguez auf der Finca. Das restliche Jahr kommt er jeden Tag aus der 45 Minuten entfernten Provinzhauptstadt Salamanca. „Ich brauche das. In der Stadt ginge ich sonst ein“, sagt er. Der Stopp in der Bar „La Casablanca“ an der schmalen, entlegenen Landstraße ist ein festes Ritual. In den Gesprächen am Tresen geht es immer um das Gleiche.

Bar und Laden „La Casablanca“: „Nein zur Mine. Ja zum Leben. Stoppt das Uran.“

„Wir leben hauptsächlich von den Gästen des Thermalbades“, sagt Raquel Romo. Die 43-jährige Tochter der Wirtsleute betreibt den zur Bar gehörenden Laden mit Souvenirs und Erzeugnissen der Region, dem Campo Charro. Die von ihr angebotenen Tassen und T-Shirts mit der Aufschrift „Für den besten Enkel“, zeigen, welches Alter die Besucher des Thermalbades hauptsächlich haben.

Die Badeanstalt mit der schwefelhaltigen Quelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist über 110 Jahre alt. Seit die Aktivitäten von Berkeley für Artikel in der überregionalen Presse gesorgt haben, kommen weniger Gäste. „Das Hotel ist nur zur Hälfte ausgebucht“, geben die Bediensteten an der Rezeption bereitwillig zu. Romo kann dies bestätigen. „Ich verkaufe viel weniger als noch vor ein paar Jahren“, sagt sie.

Raquel Romo in ihrem Laden „La Casablanca“.

Fast täglich erhält Romo Anrufe von langjährigen Besuchern, die wissen wollen, ob die Mine bereits in Betrieb ist. „Wenn der Uranabbau beginnt, kann das Thermalbad dicht machen, und wir auch“, ist sie sich sicher.

Das Projekt wird Bar und Bad ganz unmittelbar betreffen. Die Landstraße soll für die schweren Minenfahrzeuge verbreitert werden und die Grabungen nach dem radioaktiven Erz wird bis auf wenige hundert Meter an die Kneipe heranreichen. „Wer will sowas während der Kur?“ fragt Romo, die eigentlich in wenigen Jahren, wenn ihre Eltern in Rente gehen, neben dem Laden auch die Kneipe übernehmen will.

„Die glauben wir sind blöde!“ schimpft sie dann. Vor ein paar Monaten sei ein hoher Angestellter des Bergbauunternehmens in der Bar aufgetaucht. „Ihr könnt schon mal anbauen. Wenn wir die Mine aufmachen, werdet Ihr hier hunderte von Arbeitern zum Essen haben und Beschäftigte, die hier übernachten wollen“, habe er gesagt. Das Berkeley-Büro aus weißen Containern ist nur wenige hundert Meter entfernt. Doch keiner von ihnen wohne in den Dörfern rings herum. Und keiner der Angestellten verirre sich jemals in die Bar, erklärt Romo.

Das ist wohl auch besser so. Denn das „Casablanca“ ist so etwas wie das Hauptquartier der Gegner des Uranabbaus. „Nein zur Mine. Ja zum Leben. Stoppt das Uran“, steht auf einem Schild an der Fassade. Genara Moro kommt nach der Arbeit gerne hier vorbei. Die 51-Jährige gehört zu den Gründern der 2011 entstandenen Bürgerinitiative „Stop Uranio“.

Moro fürchtet nicht nur um ihren Arbeitsplatz im Thermalbad, wo sie die Bädergalerie putzt, und um die Arbeit ihres Mannes, der Kälber und Schafe züchtet, sondern „um die Gesundheit der gesamten Region“. Der Staub einer offenen Uranmine würde sich Dutzende von Kilometer weit verbreiten, ist sie sich sicher. „Stop Uranio“ hat Daten aus anderen Uranbergbauregionen gesammelt und eine stillgelegtes Uranbergwerk im benachbarten Portugal besucht. Die Krebserkrankungen seien dort durch den Abbau sprunghaft angestiegen. Moro und ihr Mann sind beide in Boada, einem der betroffenen Dörfer aufgewachsen. Lange lebten sie in der Stadt, bevor sie beschlossen wieder aufs Land zurückzukehren. „Jetzt stellt das Minenprojekt unsere ganze Lebensplanung in Frage“, sagt Moro.

Jesús Cruz steht dabei und sortiert Papiere. Der 61ist ebenfalls Gründungsmitglied von „Stop Uranio“ und so etwas wie das Dokumentationszentrum der Bürgerinitiative. Der ehemalige leitende Angestellte in einem Unternehmen am Großmarkt in Salamanca führt einen Blog und betreut die Auftritte von „Stop Uranio“ in den Netzwerken. Heute hat er ein ganz besonderes Stück online gestellt. Der Generaldirektor Francisco Bellón erklärt in den Nachrichten des Regionalfernsehens von Castilla y León, wie er die Sorgen der Bevölkerung zerstreuen will. Nach zehn Jahren Uranabbau werde Berkeley „den Originalzustand wiederherstellen, oder gar die Situation verbessern“, sagt darin der Mineningenieur, der nur selten der Presse Rede und Antwort steht. „Wir werden das so hinterlassen, dass die Viehzucht intensiver betrieben werden kann als bisher“, fügt er hinzu. Mit großem Marketingrummel hat Berkeley mit der Gemeindeverwaltung des 30 Kilometer entfernten Ortes Vitigudino einen Abkommen unterzeichnet, dort 20 bis 30.000 Steineichen zu pflanzen, als Ausgleich für die alten Bäume, die derzeit abgeholzt werden.

Jesús Cruz und Genara Mora von „Stop Uranio“.

Cruz schüttelt nur den Kopf und zückt sein Notizbuch. „Hier habe ich die Zahlen dessen, was die Mine in den Fluss Yeltes einleiten darf“, sagt er. „15 Kilogram Arsen pro Jahr, 120 Kilo Nickel, 300 Kilo Zinn, 50 Kilo Chrom … Das ist das Ende des Flusses und damit auch der vom Aussterben bedrohte Sarda Salmantina“, verweißt Cruz auf eine Studie der Universität im spanischen Toledo. Diese Süsswassersardine gibt es nur in dem kleinen Yeltes.

„Was passiert, wenn es zu einem Unfall kommt?“ fragt Cruz besorgt. Der Yeltes, der sowohl durch die Finca von Fernando Rodríguez als auch durch das Gelände des Thermalbades fliesst, mündet 40 Kilometer weiter in den Duero. Dieser Fluss dient zur Bewässerung des wichtigsten Weinbaugebietes im benachbarten Portugal und versorgt die zweitgrößte Stadt des Landes, Porto, mit Trinkwasser.

Eines will den Gegner des Uranabbaus nicht in den Kopf. „Das staatliche Unternehmen Enusa hat bereits vor Jahren aufgehört hier zu forschen“, sagt Cruz. Das Uran sei von niedriger Konzentration und deshalb sei ein Abbau nicht rentabel. 0,02 Prozent hat es laut veröffentlichter Studien; in Kanada gibt es Minen mit bis zu 19 Prozent.

Bei „Stop Uranio“ haben sie eine Erklärungen für diesen Widerspruch. „Berkeley sind reine Spekulanten“, sagen Cruz und Moro. Das Unternehmen, so haben sie herausgefunden, betreibt keine Minen. Das Unternehmen gehört zum weitverzweigten Imperium rund um die australischen Polo Resources. Spezialität des Hauses sind die Erschließung von Lagerstätten, um dann das Minenprojekt zu hohem Preis zu verkaufen.

Doch dieses Mal scheint das nicht so einfach zu sein. Die spanische Enusa hat wegen mangelnder „Machbarkeit“ die Zusammenarbeit aufgekündigt. Ein koreanisches und ein russisches Unternehmen haben sich das Minenprojekt angeschaut, aber nicht gekauft.

Berkeley eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Mehrere Verantwortliche, bei Berkeley und dem Konsortium Polo gehörten einst zu UraMin. Die Gesellschaft, die drei Uranlagerstätten in Afrika ihr eigen nannte, wurde 2007 vom französischen Staatskonzern Areva gekauft. Die Lagerstätten waren von so schlechter Qualität, dass Areva schließlich den Kaufpreis von 1,8 Milliarden Euro und weitere Investitionen komplett verlor.

Auch Fernando Rodríguez hat davon gehört. „Vielleicht wird die Mine ja tatsächlich nie eröffnet“, hofft er. „Vielleicht dienen ja all die Aktivitäten, wie der Bau des Auffangbeckens, die Rodungen und auch die Sondierungen, die Berkeley auf meinem Gelände durchführen will, nur dazu, den Investoren vorzumachen, dass es vorwärts geht.“ Ein schwacher Trost. Denn wenn Berkeley irgendwann tatsächlich scheitern sollte, wird eine zerstörte Landschaft zurückbleiben. Rodríguez schließt das Tor zur Finca. „Jetzt, wo sie mir damit drohen, auf meinen Gelände zu wollen, lege ich immer die Kette vor. Wenn sie sich dennoch Zugang verschaffen sollten, werde ich sie anzeigen“, sagt er. Da ist es wieder dieses Gefühl der Ohnmacht.

Was bisher geschah: